Einführung

Stellen Sie sich vor, Sie sind als Stadtplaner mit dem Bau eines Verkehrssystems für eine historische Altstadt beauftragt. Die Stadt ist kein geometrisches Raster, sondern ein Ort, der organisch gewachsen ist und durch unzählige versteckte Tunnel sowie suboptimale und verwirrende Straßen gekennzeichnet ist. Um ein neues, intuitives Verkehrssystem zu errichten, können Sie die Einwohner nicht einfach fragen, wohin sie wollen – Sie müssen zuerst die bestehende Struktur der Stadt verstehen. Genau das ist die Herausforderung eines Produktdesigners im Unternehmen. Während ein Verbraucherprodukt, wie eine App für Essenslieferdienste, auf vertrauten Konzepten aufbaut, ist die Umgebung des Benutzers in einem Unternehmensumfeld wie eine abstrakte, oft nicht intuitive Stadt aus Legacy-Software, verborgenen Abhängigkeiten und inoffiziellen Regeln.

Das Double-Diamond-Designkonzept allein übersieht diese Komplexität. Es leitet uns zwar korrekt an, den Benutzer zu verstehen, doch das Verständnis seiner Umgebung ist implizit. Dies funktioniert in einer einfacheren Umgebung. Da es jedoch den Fokus nicht explizit hervorhebt, entsteht ein blinder Fleck in der Unternehmenswelt, in der die Umgebung des Benutzers durch ein komplexes System definiert ist. Um ein Problem innerhalb des Unternehmens wirklich zu beheben, müssen Designer zu Kartografen werden, die das abstrakte System in eine klare, verständliche Karte verwandeln. Nachfolgend haben wir ein Beispiel für eine grobe Karte dargestellt, die zur Visualisierung verschiedener Produktkomponenten während der Ideenfindungsphase erstellt wurde.

A detailed flowchart illustrating the risk management process within an admin console.

Systemkarten – die Superkraft des Designers

Das Entwerfen einer Karte des bestehenden Systems ist für einen Designer kein Umweg, sondern eine Abkürzung. Befassen wir uns genauer mit dem einzigartigen Mehrwert, den Designer einbringen können, und wie das frühzeitige Abbilden des Systems im Designprozess die Gesamtlösung präziser und effektiver machen kann.

Von Chaos zu Klarheit

In einem typischen Unternehmen sind Sie von einer riesigen Menge unstrukturierter Informationen umgeben. Hier ist ein Beispiel aus einem Projekt, in dem wir IP-Adressen-Einschränkungen zu einem API-Token-Nutzungsfluss hinzugefügt haben. In diesem Chaos haben wir begonnen:

A collection of dashboard screens showcasing data visualization and analysis tools.

Durch herkömmliche Artefakte lassen sich Benutzerdaten gut synthetisieren. Um jedoch die Komplexität des Unternehmenssystems zu bewältigen, benötigen Sie die Systemkarte, d. h. eine Darstellung der Benutzerumgebung. Sie verwandelt das abstrakte System in eine Form, die sichtbar und nachvollziehbar ist. Das Erstellen einer Systemkarte – selbst einer ganz einfachen für den Eigengebrauch – zwingt Sie, die komplexe Realität, in der Ihr Benutzer lebt, auf einer tieferen Ebene zu verarbeiten. In dem von mir erwähnten Projekt nahm meine Karte die Form eines auf dem Ursprung basierenden Token-Lebenszyklus an und verwandelte abstrakte Konzepte wie Token, Verzeichnis-Agenten, APIs usw. in greifbare, visuelle Objekte:

A detailed flowchart illustrating the lifecycle of tokens in API management systems.

Durch das Unterteilen des Problems in die Komponenten „Benutzer“ und „System“ und deren unterschiedliche Behandlung wird ein zweischichtiges Verständnis geschaffen, das den gesamten Designprozess beschleunigt und gezieltere Designlösungen ermöglicht.

Designer sind Kartografen, keine Ingenieure

Sie fragen sich vielleicht, ob nicht eher das Entwicklungsteam oder der Projektmanager diese Aufgabe übernehmen sollte. Sie werden das tun, aber ihre Karten dienen einem grundlegend anderen Zweck. Technische Diagramme konzentrieren sich darauf, maximale Details mit maximaler Genauigkeit zu erfassen. Stellen Sie sich vor, Sie erfassen die zugrunde liegenden Versorgungsleitungen, Verkehrssignale und die Tragwerksplanung der Stadt, damit sie genau gebaut werden kann. Dies unterscheidet sich erheblich von der Visualisierung der Wegweiser, die die Bürger sehen, oder von den Straßen und Abkürzungen, die ihnen zur Verfügung stehen. Der Fokus liegt hier auf der Visualisierung des Systems als eine Umgebung, in der die Benutzer agieren. Hier kommt Ihre einzigartige Rolle als Designer ins Spiel: Sie visualisieren die Systemkonzepte so, wie Benutzer sie erleben oder für sie Sinn ergeben, und nicht, wie sie verkauft werden sollen oder wie sie im Backend genau aufgebaut sind.

Verwendung der Systemkarte 

Doch wie nutzen Sie nun die fertige Systemkarte, um vom abstrakten Verständnis zu konkreten Designentscheidungen zu gelangen? Der Schlüssel liegt darin, das System aus der Distanz zu betrachten und um die Ebene der Benutzereinblicke und Empathie zu ergänzen. Die Systemkarte liefert die fehlende strukturelle Intelligenz, die jedoch erforderlich ist, um Benutzerfeedback in sinnvolle Designänderungen umzusetzen. Sie formalisiert den Prozess der Erkenntnis, indem sie die Synthese zweier kritischer Erkennungsströme erzwingt:

A visual representation of the double diamond design process, showcasing the phases of Discover, Define, Develop, and Deliver.

I) Vereinfachung der Unternehmensrealität und Definition des Problems

Ihre Systemkarte dient als Grundlage für das Systemverständnis. Nachfolgend haben wir einige Fragen aufgeführt, die Sie sich in den verschiedenen Designphasen stellen können, um die Umwandlung von System- und Benutzererkennung in wertvolle Erkenntnisse zu unterstützen. 

A. Definition des zentralen mentalen Modells der Benutzer:

  • Welche „Kernkonzepte“ des Systems müssen Benutzer verstehen? Was sind die Gebäude und was sind die Straßen?
  • Sind wesentliche Konzepte derzeit verborgen? 
  • Werden zwei unterschiedliche Konzepte als eines dargestellt? Oder umgekehrt: Gibt es Möglichkeiten zur Konsolidierung?

B. Optimierung des Workflows und der Informationsarchitektur:

  • Sind die zugrunde liegenden Systemkonzepte unter Berücksichtigung des Benutzer-Workflows und der Aufgaben zu stark über die Benutzeroberfläche verstreut? Werden neue Straßen benötigt?
  • Ist der aktuelle Workflow intuitiv oder gibt es die Möglichkeit, einen reibungsloseren Workflow zu konzipieren (z. B. durch Verknüpfen oder Aufzeigen von Konzepten, die derzeit nur mittels Dokumentation verbunden sind)?
  • Sind die in der Systemkarte verbundenen Konzepte einem anderen Produktbereich ähnlich oder stellen sie ein völlig anderes Produkt dar? Besteht die Möglichkeit, erfolgreiche Muster oder Abläufe zu übernehmen?

C. Feinabstimmung von Interaktionen, Texten und Steuerelementen:

  • Werden die zugrunde liegenden Systemkonzepte auf der Benutzeroberfläche in einer für den Benutzer sinnvollen Hierarchie dargestellt? Fehlen Straßenschilder?
  • Sind die aktuell angezeigten Steuerelemente gemessen an ihrer Bedeutung zu trivial oder kommt Steuerelementen für erweiterte Funktionen zu viel Aufmerksamkeit zu? (In diesem Fall könnte durch Ausblenden von Komplexität die Benutzerführung vereinfacht werden).
  • Ist ein angezeigtes Steuerelement an eine nicht sichtbare Systemabhängigkeit gebunden, für die der Benutzer mehr Kontext benötigt? 

Wenn Sie die Systemkarte auf diese Weise nutzen, ist sie ein leistungsstarkes Werkzeug, mit dem Sie Klarheit über das gesamte Designspektrum gewinnen können. Dazu gehört der Umgang mit einem hohen Maß an Ambiguität und die Definition wesentlicher Bestandteile des Systems ebenso wie die Vereinfachung von Workflows und Behebung feingranularer Benutzeroberflächen-Probleme (z. B. eine unübersichtliche Flut von Einstellungen).

II) Zusammenarbeit für Wirkung und Vision 

Die Systemkarte ist eine wertvolle Ressource für Ihr gesamtes Unternehmen. Ihr größter Wert liegt in ihrer Fähigkeit, eine gemeinsame, einheitliche Sicht auf ein komplexes Problem zu schaffen und dadurch bessere Produktentscheidungen im gesamten Unternehmen zu unterstützen. So nutzen Sie die Systemkarte erfolgreich:

A. Förderung von gemeinsamer Abstimmung und Vermeidung von Altlasten

Ihre Karte ist eine Abkürzung für das funktionsübergreifende Team, das aus Produktmanagern, Designern, Entwicklern, Qualitätssicherung, technischen Redakteuren usw. besteht. Indem sie als einzige Informationsquelle für Design und Abstimmung fungiert, beschleunigt sie die interne Abstimmung und reduziert kostspielige Endlosdiskussionen.

  • Risikominimierung des Builds: Die Karte bietet starken Schutz vor technischen und Design-Altlasten. Indem Sie frühzeitig kritische Systemverbindungen und Abhängigkeiten aufdecken, die für den Benutzer wichtig sind, können Sie diese in Ihrem Design berücksichtigen. Dadurch vermeiden Sie, dass ein fragmentiertes Produkt auf den Markt gelangt, für das nach dem Release ein kostspieliger Rebuild erforderlich ist.
  • Bessere Übergabe: Die Karte stellt sicher, dass das gesamte Team die zugrunde liegende Systemrealität versteht, wenn Sie ein Konzept zur Verfeinerung der Benutzeroberfläche übergeben. Dadurch werden Überraschungen in letzter Minute auf ein Minimum reduziert.

B. Kommunikation der Vision

Die Karte sorgt für die notwendige Klarheit, wenn es um die Steuerung der zukünftigen Entwicklung und Strategie des Systems geht:

  • Scoping: Verwenden Sie die Karte, um festzustellen und abzustimmen, welche Bestandteile des Systems bereits gut gestaltet sind und welche kaum funktionsfähig sind und dringend UX-Fokus benötigen.
  • Weiterentwicklung: Identifizieren Sie, welche Systemkomponenten sich am wahrscheinlichsten weiterentwickeln werden oder sich in Zukunft weiterentwickeln sollten. Dieses gemeinsame Verständnis hilft dem Team, zwischen einer kleinen, taktischen UI-Korrektur und einer Maßnahme zu unterscheiden, die einen strategischen Ansatz auf Framework-Ebene erfordert.
  • Information im Unternehmen: Die Karte wird zu einem überzeugenden Nebenartefakt, um diese Weiterentwicklung und die Vision auf breiterer Ebene zu kommunizieren und sicherzustellen, dass sich Ihr unmittelbares Team und Ihre Schwesterteams auf eine nahtlose, benutzerzentrierte End-to-End-Experience konzentrieren.

Ich habe die Karte beispielsweise in meinem IP-Adressen-Einschränkungsprojekt herangezogen, um effektiv mit meinem Team zu kommunizieren. Wir kombinierten mein Verständnis des Administratorbenutzers mit der Systemkarte, um mit meinem Produktmanager Konzepte zu entwickeln, Lösungen zu visualisieren und Auswirkungen zu kommunizieren. Die nachfolgende Abbildung zeigt, wie sich die Karte von der anfänglichen Explorationsphase über die Abstimmung bis hin zur endgültigen Lösung weiterentwickelt hat. 

A series of user interface diagrams showcasing token states and configurations.

Fazit

Unternehmenssysteme sind umfassend, komplex und ein Nährboden für technische sowie konzeptionelle Altlasten. Das Double-Diamond-Konzept ist zwar eine wichtige Orientierungshilfe, es kann einen unerfahrenen Designer jedoch durchaus in der abstrakten Realität eines Unternehmens orientierungslos zurücklassen.

Werden Sie der Kartograf Ihres Systems.

Das Erstellen einer Systemkarte ist der entscheidende, obligatorische Schritt, der chaotische Informationen in greifbare Ressourcen verwandelt. Die Karte verbessert nicht nur Ihren persönlichen Prozess, sondern beschleunigt auch den Erfolg Ihres Teams grundlegend, denn sie liefert die zentrale Informationsquelle, die für die Abstimmung, die Risikominderung des Builds und die Kommunikation einer klaren Produktvision erforderlich ist.

Verhindern Sie, dass Ihre Lösungen zur Quelle für den nächsten UI-Wildwuchs werden. Übernehmen Sie die Kontrolle über die zugrunde liegende Komplexität und verankern Sie Ihr nächstes Designprojekt in der Realität.

Viel Erfolg beim Erstellen Ihrer Karte!

P.S. Tauchen Sie tiefer in die Kartierung ein.

Wenn Sie die hier erörterten Prinzipien in die Tat umsetzen und mehr über die spezifischen Formen einer Systemkarte und ihren Einsatz in der Praxis erfahren möchten, lesen Sie den Blog-Beitrag meiner Kollegin Shiwei Li zu diesem Thema!

Setzen Sie Ihre Identity Journey fort